Die Oper, die Verdis Wendepunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts markierte, war Luisa Miller: Hier erscheint die Wirklichkeit erstmals in ihrer nuancierten und komplexen Unmittelbarkeit, nicht mehr durch emblematische Situationen oder Figuren ausgestaltet. Stiffelio ist die natürliche Konsequenz daraus. Die Handlung spielt in der jüngeren Vergangenheit, in einem bürgerlichen Interieur, in dem dennoch die überholte Figur eines pensionierten Soldaten präsent ist, der die gesellschaftliche Ehrenhaftigkeit aufrechterhalten soll. Im Mittelpunkt steht der Gegensatz zwischen einer Frau, die durch emotionale Verwirrung auf Abwege gerät, und einem Mann, der schließlich persönliche und gesellschaftliche Vorurteile überwindet.
Das eigentliche Thema dieser Oper, deren Libretto Francesco Maria Piave nach dem damals üblichen französischen Drama gestaltete – in diesem Fall nach Le Pasteur, ou L'Évangile et le Foyer von Émile Souvestre und Eugène Bourgois –, ist der Konflikt des Protagonisten zwischen der Pflicht zur Vergebung und dem uralten Verlangen nach Rache. Umso mehr, als der Protagonist ein protestantischer Pfarrer ist, der nach einer langen Reise zurückkehrt, auf der er alle möglichen Sünden erlebt und zur Vergebung aufgerufen hat. Bei seiner Rückkehr muss er feststellen, dass seine Frau ihn betrogen hat. Vergebung erweist sich als besonders schwierig, wenn man sie selbst gewähren muss, anstatt andere damit zu beauftragen.
Er geht sogar so weit, sich mit seinem Rivalen zu duellieren, wird jedoch durch eine plötzliche Erkrankung daran gehindert, als er in der Ferne einen Psalm singen hört. So ist es der Vater der Frau, der den Liebhaber hastig beseitigt, um zu verhindern, dass etwas an die Öffentlichkeit gelangt, das den guten Ruf der Familie beschädigen könnte: eine Art Generalprobe für Germont. Am Ende setzt sich das Pflichtgefühl des Pfarrers durch, als er in der Kirche die biblische Geschichte von der Ehebrecherin liest und seiner Frau vor allen Anwesenden verzeiht, begleitet von einer bewegenden, feierlich-hieratischen Musik.
Verdi war sich der Sensibilität des Themas bewusst und wählte deshalb für die Uraufführung am 16. November 1850 ein Theater außerhalb der großen Zentren: das Theater von Triest. Schließlich hätte die Verbreitung einer solchen Parabel auf den Theaterbühnen als Ermutigung zur Unmoral erscheinen können. Tatsächlich schlug die Zensur in den italienischen Staaten – und nicht nur dort – unerbittlich zu und veränderte Schauplatz, Text und Titel. Verdi verlor schließlich die Geduld und beschloss nach sechs Jahren, diesem Affront und weiteren Aufführungen ein Ende zu setzen, indem er die Oper vom Markt zurückzog.
Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Stiffelio wiederentdeckt, als das Thema niemandem mehr Anstoß bereitete. Von Anfang an erschien das Werk als eine Art Vorläufer von La Traviata. Erst in jüngerer Zeit hat es sich jedoch eine eigenständige Stellung im Transformationsprozess von Verdis Musiktheater in der Mitte des 19. Jahrhunderts erarbeitet.
Giuseppe Martini
Handlung
Vorgeschichte
Die Handlung spielt in Deutschland im 19. Jahrhundert. Stiffelio musste vor ungenannten Feinden, wohl religiösen Gegnern, fliehen und fand unter dem Namen Rodolfo Müller Zuflucht bei Stankar. Inzwischen ist er ein angesehener Prediger und mit Lina, der Tochter Stankars, verheiratet. Während einer längeren Reise Stiffelios verleitete Raffaele Leuthold, ein notorischer Verführer, Stiffelios Frau Lina zum Ehebruch.
Erster Akt
Erstes Bild: Ebenerdiger Saal in Stankars Schloss
Pfarrer Jorg, der in Klopstocks Messias liest, erwartet dringend die Rückkehr Stiffelios, weil den Glaubensbrüdern sein Rat fehlt. Als Stiffelio zusammen mit Lina eintritt, kommen auch Stankar, Federico, Raffaele und Dorotea hinzu. Stiffelio erzählt eine sonderbare Geschichte. Ein Schiffer hatte vor acht Tagen morgens an einem Fenster des Schlosses einen Mann beobachtet und neben ihm eine Frau, die wie von Sinnen schien. Schließlich stieg der Mann aus dem Fenster und flüchtete ins Wasser. Dabei verlor der Mann eine Brieftasche, die der Schiffer Stiffelio ausgehändigt hat. Lina und Raffaele erschrecken, Stankar schöpft Verdacht. Stiffelio will die Papiere nicht lesen, sondern wirft die Brieftasche wegen der Barmherzigkeit Gottes ins Feuer, um so die Sünde auszutilgen. Raffaele zischelt Lina zu, dass er ihr eine Nachricht in das Buch legen will. Als Freunde und Anhänger Stiffelios diesen mit einem Loblied begrüßen, sagt er, dass Gott allein zu loben sei. Lina wird von Reue geplagt.
Als sie mit Stiffelio allein ist, klagt er, dass er auf seiner Reise nur Unterdrückung, Laster, Geldgier, den Mangel an Menschlichkeit und ehebrecherische Frauen erlebt hat. Bei der Erinnerung daran, dass heute sein Hochzeitstag ist, entdeckt er, dass sie ihren Ring nicht mehr trägt. Aus ihrem Seufzen erkennt er ihre Verfehlung. Nachdem Stankar Stiffelio, den er noch immer Müller nennt, zu einer Besprechung abberufen hat, versucht Lina voller Reue zu beten und ihrem Mann in einem Brief alles zu gestehen. Stankar überrascht sie dabei, nimmt ihr den Brief weg und liest den Inhalt. Stankar wirft ihr vor, Schande über ihn gebracht zu haben. Er gebietet ihr, über den Fehltritt zu schweigen, um Stiffelios Seelenfrieden nicht zu stören. Raffaele legt heimlich einen Brief an Lina in das verschlossene Buch, in dem er sie zu einem Treffen bittet. Federico, Linas Cousin, nimmt das Buch mit sich.
Zweites Bild: Festlich erleuchtete Empfangshalle des Schlosses
Im Finale I sagt Jorg, der Raffaele beobachtet hat, zu Stiffelio, dass jemand in dem Buch eine Nachricht hinterlegt hat. Als Stiffelio das Buch öffnen will, fällt der Brief heraus. Stankar liest ihn, zerreißt den Brief und fordert Raffaele zum Duell auf dem Kirchhof.
Zweiter Akt
Ein alter Friedhof. In der Mitte ein Kreuz, links eine Kirche
Lina betet am Grab ihrer Mutter um Vergebung. Raffaele kommt hinzu. Auf ihre Bitte, ihr die Briefe und den Ring zurückzugeben und zu gehen, weigert er sich. Stankar kommt mit zwei Degen in der Hand, um sich mit Raffaele zu duellieren, und schickt Lina fort. Raffaele will nicht kämpfen, bis ihn Stankar als „Findelkind“ beleidigt. Stiffelio, der aus der Kirche tritt, entdeckt die Duellanten und verbietet ihnen, gegeneinander zu kämpfen, noch dazu auf geweihter Erde. Stattdessen verlangt er, dass sie sich versöhnen. Als auch Lina hinzukommt, bittet sie ihren Mann um Verzeihung. Stiffelio erkennt nun, dass Raffaele sein Nebenbuhler ist, und will selbst gegen ihn kämpfen. Aus der Kirche ertönt ein religiöses Lied. Jorg, der aus der Kirche tritt, bittet Stiffelio, der Gemeinde Trost zu schenken. Stiffelio, der noch immer voller Wut ist, kommt zur Besinnung, will aber niemals seiner treulosen Frau verzeihen. Als Jorg auf das Friedhofskreuz weist, fällt Stiffelio ohnmächtig am Fuß des Kreuzes nieder.
Dritter Akt
Erstes Bild: Ein Vestibül (Anticamera) mit Türen
Raffaele ist geflohen und hat Lina einen Brief hinterlassen, in dem er sie auffordert, ihm zu folgen. Stankar, der den Brief abgefangen hat, gerät erneut in Wut, fühlt sich entehrt und schreibt einen Abschiedsbrief an Stiffelio und will anschließend mit einer Pistole Selbstmord begehen. Jorg, auf der Suche nach Stiffelio, teilt Stankar mit, dass er Raffaele aufgespürt und mitgebracht hat. Stankar will Rache und gibt den Gedanken an Suizid auf. Stiffelio fragt Raffaele, was er tun würde, wenn er Lina freigibt. Raffaele weiß keine Antwort. Stiffelio, der Lina um ein Gespräch gebeten hat, schickt Raffaele in einen Nebenraum, damit er das Gespräch belauscht. Stiffelio gibt Lina frei, damit sie mit Raffaele zusammenleben kann. Er erklärt die Ehe für ungültig und übergibt ihr den Scheidungsbrief. Lina unterschreibt schließlich. Erst jetzt ist sie nicht mehr an das Versprechen ihrem Vater gegenüber gebunden und bittet Stiffelio als Seelsorger, ihr die Beichte abzunehmen. Dabei bekennt sie, dass sie Stiffelio noch immer liebt und dass sie von Raffaele ausgenutzt und verführt wurde. Stiffelio plant, Raffaele zu töten, aber Stankar ist ihm zuvorgekommen. Stiffelio und Jorg beschließen, den Ort des Verbrechens zu verlassen und in die Kirche zu gehen. Lina glaubt nicht an Vergebung für ihre ungewollte Sünde.
Zweites Bild: Inneres einer gotischen Kirche, Kanzel auf einer Säule
Dorotea, Federico und der Chor singen einen Bußpsalm. Stankar bittet Gott um Verzeihung. Jorg schlägt dem noch immer verwirrten Stiffelio vor, die Bibel aufzuschlagen. Gott werde ihn erleuchten. Stiffelio schlägt das Neue Testament an der Stelle auf, wo Jesus der Ehebrecherin vergibt, und liest die Stelle laut vor. Auch Stiffelio verzeiht.